Am 10. November 2025 versammelten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger am Hans-Gruber-Platz in Hanau-Großauheim, um an ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern, die am 9. und 10. November 1938 Großauheim verlassen mussten. Die Gedenkveranstaltung fand an der dort seit 2015 bestehenden Gedenktafel für die ehemaligen jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner des Stadtteils statt.
Eingeladen hatte der Großauheimer Ortsvorsteher Reiner Dunkel gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10 der Lindenauschule, die im Rahmen ihrer katholischen Religionskurse die Veranstaltung vorbereitet und gestaltet hatten.
Unter den Teilnehmenden befanden sich neben Mitgliedern des Ortsbeirats Großauheim auch Vertreterinnen und Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden Klara und Franziskus, Manfred und Christa Greb – die Initiatoren der Gedenktafel –, sowie Martin Hoppe, Fachbereichsleiter für Kultur, Stadtidentität und Internationale Beziehungen der Stadt Hanau.
Auch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hanau e. V. war vertreten, unter anderem durch Pfarrer Heinz Daume und – für alle Anwesenden besonders erfreulich – Oliver Dainow, den Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde.
Während der Gedenkfeier verlasen Schülerinnen und Schüler der Lindenauschule Kurzbiografien von fünf jüdischen Frauen und Männern aus Großauheim. Ihre Schicksale – von Entrechtung über Emigration bis hin zur Deportation und Ermordung – machten die Gräuel der NS-Zeit eindrücklich spürbar. Zum Gedenken wurden Kerzen entzündet, und das jüdische Gebet El Male Rachamim wurde in deutscher Übersetzung gemeinsam gesprochen. Dieses Gebet erinnert an die Verstorbenen der Shoa und nennt Orte des Massenmords.
In ihrer Ansprache mahnte Schulpfarrerin Lisa Henningsen zu wachem Bewusstsein auch in der Gegenwart:
„Wegsehen, Ausgrenzen und Falschinformationen sind keine Phänomene der Vergangenheit – sie können auch heute wieder Menschen stigmatisieren und ausgrenzen.“
Zum Abschluss dankte Ortsvorsteher Reiner Dunkel den Schülerinnen und Schülern für ihr Engagement:
„Ihr habt diesen Menschen heute wieder ein Gesicht gegeben und ihnen durch euer Gedenken ihre Würde zurückgegeben. Gerade in dieser politisch unruhigen Zeit ist diese Erinnerungskultur von unschätzbarem Wert.“
Auch die Jugendlichen selbst betonten die Bedeutung des Projekts:
„Es war uns eine Herzensangelegenheit, diese Veranstaltung mitzugestalten“, sagte eine Schülerin. „Wir möchten ein Zeichen setzen, dass Rassismus und Antisemitismus keinen Platz in unserer Gesellschaft haben dürfen.“
Die Lindenauschule, die den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ trägt, sieht in solchen Projekten einen wichtigen Beitrag zur aktiven Erinnerungsarbeit und zur Stärkung demokratischer Werte.
Steffen Schleicher

