Standing Ovations als Dank für ein beeindruckendes Theaterstück: Rund 200 Gäste, darunter zahlreiche Schülerinnen und Schüler sowie über 60 Ehrengäste hatten sich am Abend des 18. Dezember in der Mehrzweckhalle der Lindenauschule eingefunden, um der Aufführung des Theaterstücks B-Heimat. Orte unserer Sehnsucht von Regisseurin Martina Droste beizuwohnen. Am 8. März 2025 in den Kammerspielen uraufgeführt, hatte es bereits viele Hundert Besucher im Frankfurter Stadtzentrum begrüßen können. Die von Schülerinnen und Schülern der Lindenauschule gemeinsam mit den Städtischen Museen Hanau gestaltete Museumsausstellung ¿Angeworben-Angekommen? zur Arbeitsmigration nach Großauheim bot nun den Anlass für eine Kooperation der besonderen Art: Regisseurin Martina Droste hatte anlässlich ihres Theaterprojektes gemeinsam mit Sebastian Saliger (Kurator der Ausstellung und Leiter des Schulprojektes) die Ausstellung in Großauheim besucht und ihre Eindrücke in das Stück einfließen lassen. In einem gemeinsamen Gespräch im Anschluss an eine Aufführung des Stücks im Frankfurter Schauspiel entstand die Idee B-Heimat. Orte unserer Sehnsucht ein weiteres Mal an der Lindenauschule zu zeigen.
Ankommen in der neuen Heimat und in diesem Zusammenhang das Gefühl von Zugehörigkeit, Begrenzung und Ausgrenzung bildeten einen Schwerpunkt der Aufführung: Stühle, jeder von ihnen in einer Weise defekt, symbolisierten – so lässt sich vermuten – unterschiedliche Ausgangsbedingungen, die das Ankommen in der Heimat erschweren.
So berichtete der ehemalige spanische „Gastarbeiter“ José von seinen Erfahrungen als Arbeitsmigrant und der in Teilen erniedrigenden Behandlung, die er durch offizielle Stellen in der noch jungen BRD erfuhr – die Schwierigkeit eine Wohnung zu finden war nur eines der Probleme, dem der junge Andalusier damals begegnete. Nicht allein thematisierte das Stück die Anwerbung von „Gastarbeitern“ in Zeiten des sog. „Wirtschaftswunders“, sondern widmete sich auch im besonderen Maße dem Einsatz ausländischer Arbeitskräfte im Nationalsozialismus. Anhand eingespielter Videosequenzen wurde die Entwicklung der Zwangsarbeit im NS beschrieben: Wurden Arbeitskräfte zunächst – und anfangs wenig erfolgreich – aus befreundeten Ländern angeworben, verbrachte man spätestens ab 1942 aus besetzten Gebieten Arbeitskräfte zwangsweise nach Deutschland, um in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft die Lücken zu füllen, die durch die massenhafte Rekrutierung junger Soldaten entstanden waren. Die Aufführung spannte ferner den Bogen zu aktuellen Fragen um das Thema Arbeit: Unter welchen Umständen ist man bereit auch prekäre Arbeitsbedingungen zu akzeptieren? Sind die von dem jungen Ensemble geäußerten – d.h. ins Publikum gerufenen – Berufswünsche realisierbar und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die soziale Herkunft oder der Migrationshintergrund der eigenen Familie? Die Nichtanerkennung ihrer im Iran erworbenen beruflichen Qualifikationen thematisierte eine der Darstellerinnen, die in der neuen Heimat erkennen musste, dass Abschlüsse, die nicht in Deutschland erworben wurden, als minderwertig – wenn nicht gar als bedeutungslos – angesehen werden. Wie geborgen kann man sich in der Heimat fühlen, wenn Religion – in diesem Fall der jüdische Glauben – nicht von aktuellen Konflikten im Nahen Osten getrennt wird und man Symbole seiner Religion in der Öffentlichkeit verbergen muss? Wie heimisch fühlt man sich, wenn man Angst verspürt, jederzeit wieder in die afghanische Heimat zurückgeschickt zu werden?
Langanhaltender Applaus, der das Ensemble stets auf Neue auf die Bühne forderte, war der Dank für die beeindruckende Leistung aller Mitwirkenden. Regisseurin Martina Droste bemerkte nach der Vorstellung, es habe sie beeindruckt, wie konzentriert und aufmerksam das -überwiegend jugendliche- Publikum die Aufführung verfolgte.
In der anschließenden Diskussion im Forum der Großauheimer Lindenauschule wurde dem Theaterpublikum Gelegenheit geboten, den Inhalt des Stücks mit geladenen Gästen und Mitwirkenden zu vertiefen. Zu diesen gehörten: Bürgermeister Dr. Maximilian Bieri, Regisseurin Martina Droste mit Ensemble, Wolfgang Hombach und Sebastian Saliger (Kuratoren der Museumsausstellung) sowie Mitwirkende (Schülerinnen und Schüler sowie Interviewpartner) der Schülerausstellung. Die Themen der Diskussion knüpften an die Fragen an, die im Verlauf des Stücks von den Darstellerinnen und Darstellern aufgeworfen wurden: Etwa, ob prekäre Arbeitsbedingungen noch heute Realität sind- schließlich seien die Beispiele, die das nahelegen, zahlreich. Als Vertreter der Stadt Hanau betonte Bürgermeister Dr. Bieri, dass man nicht nur heute im besonderen Maße auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sei, sondern Hanau von jeher von Migrationsbewegungen geprägt gewesen sei. So hätten Hugenotten – protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich – bereits im 17. Jahrhundert in Hanau eine neue Heimat gefunden. Die Wallonisch-Niederländische Gemeinde existiere bis heute. Eine anregende Diskussion entspann sich, als eine Schülerin im Publikum fragte, welche Bedeutung die Stühle hätten. Regisseurin Martina Droste gab die Frage an das Publikum weiter: Während eine Besucherin in den Stühlen Symbole des „Ankommens“ und ein „Zur Ruhe kommen“ sah, warf einer der Diskutanten die Frage auf, warum die Stühle allesamt defekt seien und wer dafür die Verantwortung trage- eine Diskussion, die Regisseurin Martina Droste moderierte, aber nicht kommentierte, denn so betonte sie am Ende: „Die Stühle bedeuten das, was das Publikum in ihnen sieht.“
Die Lindenauschule bedankt sich herzlich bei Regisseurin Martina Droste, ihrem Ensemble sowie der Technik des Schauspiel Frankfurt für einen glänzenden Auftritt und einen unvergesslichen Abend.
Sebastian Saliger



