„Wir sind in Deutschland zu Hause.“

„Wir sind in Deutschland zu Hause.“

„Ich liebe Sauerkraut“, bekennt Carmen Ortega, die ursprünglich aus Huelva (Andalusien) stammt und 1963 nach Deutschland um zunächst als Kindermädchen für amerikanische Familien in Frankfurt zu arbeiten. Später fand sie neben anderen Tätigkeiten in Hanau bei Heraeus Arbeit.

Das deutsche Essen habe sie inzwischen liebgewonnen: Dabei habe sie das anfangs gar nicht gemocht. Eine deutsche Freundin habe ihr dann ein besonderes Rezept verraten – Jetzt esse die ganze Familie Sauerkraut.

Carmen Ortega war mittlerweile die fünfte ehemalige Gastarbeiterin aus der Region, die von den Schülerinnen und Schülern des WP2-Kurses interviewt wurde. Die Interviews bilden die Grundlage für eine spätere Ausstellung zur Arbeitsmigration, die in Kooperation mit dem Museum Philippsruhe gestaltet wird und Ende 2021 eröffnet werden soll. Die Schülerinnen und Schüler entwickeln die Fragen selbstständig in einem halbstündigen Vorgespräch. Am Computer werden die Interviews schließlich gemeinsam mit ihrem Lehrer Sebastian Saliger und einem Kameraexperten, Herrn Rindermann von der Werbeagentur United Power Fields, gesichtet und bei Bedarf nachbearbeitet. Besonderes Engagement zeigte ein Lindenauschüler, der seinen Familienangehörigen selbstständig zu Hause interviewte: Herr Puligheddu kam als Jugendlicher nach Deutschland und arbeitete u.a. bei der Firma Honeywell.

Die Fragen der Schülerinnen und Schüler des WP2-Kurses drehen sich nicht nur ums Essen, doch sind die mitgerbachten Rezepte für die „Gastarbeiter“ oft bis heute noch eine Verbindung zu ihrem Geburtsland.

Frau Giacomini hingegen überraschte mit der Aussage, dass sie keine Nudeln mag. Rippchen mit Sauerkraut oder Pellkartoffeln mit Quark esse sie hingegen regelmäßig. Frau Porcellini variiert gerne deutsche Gerichte und kreiert ein Schnitzel “all´italiana“, indem sie die Soße mit mediterranem Gemüse verfeinert.

Manche Zeugnisse deuten jedoch auch auf Probleme hin: So war die Wohnsituation der Gastarbeiter oft prekär. Antonio Cabrera berichtet in seinem Buch Barraca 5 ausführlich von dem Leben in den „Baracken“, ohne ausreichende Waschmöglichkeiten. Diese standen an der Stelle, wo sich heute der Lidl-Supermarkt in Großauheim befindet. Nicht selten war das Heimweh so stark, dass seine Landsleute Deutschland schnell wieder verließen.

Die Arbeit war der häufigste Grund, warum sich die Gastarbeiter auf die Reise nach Deutschland machten. Der Vater von Frau Giacomini kaufte sich mit dem ersten verdienten Geld einen VW-Käfer – das Symbol des deutschen „Wirtschaftswunders“. Auch unterstützten die ehemaligen Arbeitsmigranten die Familien in der Heimat. Für die Überweisungen mussten spezielle Formulare ausgefüllt werden, welche von der Post bearbeitet worden. Dies Überweisungsträger besitzt Herr Porcellini bis heute und brachte sie zum Interview mit.

Viele ehemalige Arbeitsmigranten sind noch heute gut untereinander vernetzt. Carmen Ortega gehe regelmäßig mit ihren Freundinnen frühstücken und spiele Karten mit ihnen. Sie ist mit Spanien immer noch verbunden. Allerdings reichen ihr ein paar Wochen Urlaub in ihrem Geburtsland. Wenn sie wieder nach Deutschland zurückkehre, merke sie, dass Deutschland längst ihre Heimat geworden sei: „Ich bin glücklich gekommen und glücklich geblieben“, sagt sie. Frau Giacomini könne sich nicht vorstellen in einem anderen Ort als Großauheim zu leben. Das Ehepaar Porcellini betont: Wenn wir aus dem Italienurlaub zurückkommen, sagen wir immer: „Wir sind wieder zu Hause.“

Aufgrund der aktuellen Situation und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen ruht das Projekt und wird, sobald es die Lage wieder zulässt, fortgesetzt werden.

 

Sebastian Saliger

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