Wie fühlt es sich an, auf Unterstützung angewiesen zu sein? Wie verändert sich der Blick auf die Umgebung, wenn man sich nicht frei zu Fuß bewegen kann? Mit diesen Fragen beschäftigten sich kürzlich Schülerinnen und Schüler der Lindenauschule in Großauheim im Rahmen eines besonderen Projekttages. Im Wahlpflichtkurs 10 „Jung trifft/hilft Alt“ wagten sie ein Experiment der besonderen Art: In Rollstühlen erkundeten sie die Hanauer Innenstadt – und erlebten dabei hautnah, wie sich der Alltag für Menschen mit körperlicher Einschränkung anfühlt. Die Aktion entstand in Kooperation mit dem Altenhilfezentrum Bernhard Eberhard der Martin-Luther-Stiftung Hanau, mit dem die Schule seit Jahren eng zusammenarbeitet. Unterstützt wurde die Gruppe von Birgit Streich, Mitarbeiterin der sozialen Betreuung in der Einrichtung, die den Jugendlichen mit Rat, Einblicken und Empathie zur Seite stand. Die Aufgabe war klar: Die Schülerinnen und Schüler sollten sich in die Lebenswelt von Rollstuhlfahrenden hineinversetzen und erleben, welche Hürden es in einer eigentlich vertrauten Umgebung wie der Innenstadt geben kann. Ausgestattet mit Rollstühlen, begaben sie sich auf Erkundungstour durch Hanau – und stießen schnell auf zahlreiche Barrieren: unebene Gehwege, hohe Bordsteinkanten, schwer zugängliche Geschäfte oder zu enge Durchgänge. Besonders eindrucksvoll war für viele jedoch nicht nur die physische Einschränkung, sondern auch die Art, wie ihre Umgebung auf sie reagierte. In der anschließenden Nachbesprechung berichteten die Jugendlichen von zahlreichen positiven Begegnungen. Viele Passantinnen und Passanten boten Hilfe an, hielten Türen auf oder fragten aktiv nach Unterstützung. Diese offene und freundliche Haltung der Hanauer Bevölkerung blieb den Schülerinnen und Schülern besonders in Erinnerung. Eine Schülerin schilderte ihre Eindrücke so: „Ich war überrascht, wie aufmerksam viele Menschen reagiert haben. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie stark man plötzlich beobachtet wird. Das hat mir zu denken gegeben.“ Ein anderer Schüler ergänzte: „Man merkt erst durch so eine Erfahrung, wie viele alltägliche Dinge für Menschen mit Einschränkungen zur Herausforderung werden. Es ist wichtig, dass wir lernen, sensibel damit umzugehen und Rücksicht zu nehmen.“ Das Rollstuhltraining ist Teil des Wahlpflichtkurses „Jung trifft/hilft Alt“, in dem sich die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klassen mit dem Thema Alter, Pflege und gesellschaftlicher Teilhabe beschäftigen. Neben theoretischem Wissen steht vor allem die praktische Erfahrung im Mittelpunkt: Regelmäßige Besuche in der Pflegeeinrichtung, Gespräche mit Seniorinnen und Senioren sowie gemeinsame Projekte schaffen Verständnis und bauen Berührungsängste ab. Eine besondere Verbindung ist bereits durch eine Brieffreundschaft zwischen den Jugendlichen und den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altenhilfezentrums entstanden. Im weiteren Verlauf des Schuljahres sind noch weitere gemeinsame Aktionen geplant – darunter Bastel- und Spielnachmittage sowie ein Abschlussfest. Der Projekttag in Hanau hat bei den Schülerinnen und Schülern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Viele zeigten sich nachdenklich, aber auch motiviert, das Thema Barrierefreiheit künftig mit anderen Augen zu sehen – nicht nur als bauliche Notwendigkeit, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Projekt zeigt: Ein Perspektivwechsel kann mehr bewirken als jede Unterrichtsstunde im Klassenzimmer.
Steffen Schleicher

